Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11, die sich für den Literatur- und Theaterkurs entscheiden, stehen stets vor der zweifachen Herausforderung, nicht nur ihr schauspielerisches Talent unter Beweis zu stellen, sondern das am Ende des Schuljahres aufzuführende Theaterstück überhaupt erst zu entwerfen. Unterstützt von Kurslehrerin Maren Rukatukl und theaterpädagogisch begleitet von Rita Rudenstein (Württembergische Landesbühne Esslingen), entschied sich der Kurs in diesem Schuljahr für eine Adaption des Froschkönigs, der in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm immerhin an erster Stelle steht.
Der Märchenkönig wird im Stück zu „King Incorporated" – große Machtfülle vermuten die Schüler/innen in unserer Zeit offenbar eher bei Führern von Kapitalgesellschaften als in der Politik, Autokraten vom Schlage Putins einmal außer Acht lassend. Doch gibt es auch Gemeinsamkeiten. So wirkt der von Gastensemblemitglied Ardy Kretzler (Abitur 2023) verkörperte Anton in seiner selbstgefälligen, Weltläufigkeit vortäuschenden („Der Markt in Asien läuft gut") Art ähnlich ekelhaft wie der echte Frosch im Märchen, was Pauline Schießel als melancholische Kapitalistenprinzessin Viktoria mimisch und gestisch auch sehr glaubhaft zum Ausdruck bringt.
Nicht weniger abgeschmackt als Karrierist Anton tritt uns Siri Krenzke als ‚König' der Unternehmung entgegen, nervös den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Firmenjubiläum entgegensehend, dabei hilflos WLAN suchend (doch nicht etwa eine Anspielung auf die stadtseits schleppend erfolgte Ausleuchtung des Mörike-Gymnasiums?).
Zumal da auch noch die Tochter mit Mehrwert verkuppelt werden muss, natürlich mit Anton, der Hoffnung der Marktwirtschaft. Doch der arrangierte Smalltalk beim Sektempfang scheitert grandios, weil Viktoria gar nicht daran denkt, sich fremdbestimmen lassen. Viel lieber stellt sie einen beeindruckend intensiven Augenkontakt zu Partygast Heinrich (Fabian Linder) her, der ihr so nett das Sektglas reicht.
Gesellschaftspolitische Brisanz gewinnt das Stück, als die Polizei gegen die King Inc. ermittelt – Ausbeutung der Arbeiter, gar Kinderarbeit begünstigten offenbar den erfolgreichen Börsengang.
„Bestechung, Greenwashing, Kinderarbeit, Skandal", tönt es aus dem Off, der König strauchelt, nimmt die Krone ab, verbirgt sein Gesicht – „isolated". Während die demokratische Öffentlichkeit am Ende über die Profitgier siegt und der Wirtschaftskriminalfall gelöst scheint (fast wie in den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat), bleibt das Beziehungsdrama in der Schwebe: Ob Prinz Heinrich und Prinzessin Viktoria glücklich leben werden bis an ihr Lebensende, wissen wir nicht.
Das geschickt mit Doppelrollen besetzte Stück überzeugte vor allem durch die schauspielerische Leistung der elf Kursteilnehmer/innen und die dramaturgischen Einfälle, die immer mal wieder einen zweiten Blick erforderten und zum Nachdenken anregten – über Frösche, Könige, Kapitalisten, weibliche Selbstbestimmung und vielleicht auch den Sinn des Wirtschaftens. har
