Strömung

So hieß das Theaterstück des Literatur- und Theaterkurses der Kursstufe 1, das am 12.7.2024 in der EMMA – der Cafeteria des Mörike-Gymnasiums – aufgeführt wurde. In den Genuss, die Aufführung zu sehen, kamen die Kursstufe, die 10klässler und zwei Klassen der Jahrgangstufe 9. Es ist ein Stück, das den Prozess des Theaterspielens reflektiert, uns in eine andere Welt entführt und uns mitleiden lässt mit einem jungen Mann, dessen Liebe nicht erwidert wird.

Die sechs Schüler*innen und ihr Lehrer Klaus Kiewert schrieben, inszenierten und spielten ein Theaterstück, das das Publikum wahrlich eintauchen ließ in eine andere Welt. Am Anfang hört man bezaubernde Musik und sieht einen menuettartigen Tanz aller Akteure. Sowohl die Musik als auch die Wassertopfen lassen erahnen, dass die Handlung einen Bezug zum Element Wasser hat. Und dann beginnt bewusst abrupt ein Handlungsstrang des Stücks: der Zuschauer sieht eine Theaterprobe einer Schülertheatergruppe, deren leitende Lehrkraft erkrankt ist, sodass zwei Akteure die Regie übernehmen. Die Gruppe inszeniert „Die kleine Meerjungrau" von Hans Christian Andersen und steht kurz vor der Aufführung, wobei das Ende des Stückes noch nicht geklärt ist. Während Regisseurin 1 vorschlägt, dass in ihrer Version der Prinz und nicht die Meerjungfrau sterben[1] solle, damit das Stück moderner und emanzipatorischer wird, beharrt Regisseur 2 auf der ursprünglichen Variante, in der die Meerjungfrau zu Meerschaum wird, weil der Prinz nicht sie, sondern eine andere Frau heiratet, weil es ja sonst ein anderes Stück sei. Es scheint, als wäre die Mehrheit für die Variante 2, wobei dann der Prinz die Frage an die Darstellerin der Meerjungfrau richtet, wie sie die Rolle spielen möchte. Sie weicht der Frage aber aus, und der Großteil der Gruppe ist so mit diesem Konflikt beschäftigt, dass sie zunächst nicht merken, dass die Protagonisten etwas anderes umtreibt. Der Schauspieler, der den Prinzen spielt, ist unsterblich in die Darstellerin der Meerjungrau verliebt. Doch diese – vielleicht wirklich eine Meerjungfrau? – verhält sich sehr zurückhaltend. Will sie ihn schützen? Hat es ihr – wie die Nixe im Märchen – die Sprache verschlagen? Jedenfalls scheint sie sich nicht entscheiden und sich zu ihm bekennen zu können, was ihn an den Rand des Wahnsinns treibt. Inzwischen hat die Gruppe bemerkt, dass die zwei Protagonisten verschwunden sind, und eine Schauspielerin nutzt die Gunst der Stunde, sich als perfekten Ersatz für die Rolle der Meerjungrau ins Spiel zu bringen, dargestellt von Kaira Dönmez, und da sie nun opportunistisch die Fassung von Regisseurin 1 bevorzugt, wird sie von dieser unterstützt.

Als die beiden Akteure in die Gruppe zurückkommen, wird zunächst erstmal weiter geprobt, bis die Situation für den Darsteller des Prinzen so unerträglich wird, dass er aufgrund seiner zurückgewiesenen Liebe einen Zusammenbruch erleidet. Die Zurückweisung ist wie die kalte Dusche, die zumindest ein Teil des Publikums erfährt durch das Wasser, das aus einem Becher in den Zuschauerraum geschüttet wird.


Es ist das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen, durch die das Stück überzeugt. Da ist die Schultheatergruppe, in der die unterschiedlichen Typen solch eines Ensembles wie in einem Klassenzimmer vertreten sind.


Gruppendynamisch ergeben sich hier ganz typische Prozesse: es gibt zwei Alphatiere, die die Rolle der Leitung willig übernehmen und sich durchsetzen oder auch einmal beschlossene Ergebnisse wieder unterwandern wollen, grandios gespielt von Zara Höflacher und Michael Koch.

Neben den Eifrigen gibt es auch den Faulen, einen Akteur, der lieber Pausen macht und seinen Text noch nicht kann, überzeugend dargestellt von Lukas Vatter. Es gibt Mitläufer und loyale Mitstreiter. Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau" bildet die Klammer für die Ebenen der Theaterproben und der unglücklichen Liebesgeschichte zwischen der Darstellerin der Meerjungfrau und des Prinzen.Während im Theaterstück – wie auch bei Andersen – die Prinzessin am Ende stirbt – zerbricht bei der „realen Liebesgeschichte" der Prinz an seiner unerwiderten Liebe. Die schwierigste Rolle in dem Stück hatte mit Sicherheit die Darstellerin der Meerjungfrau, denn sie ist mal die anmutige, liebende Prinzessin und mal diejenige, die ihren Verehrer kühl abweist. Emma Fischer hat diese Rolle überzeugend gespielt und ihren Prinzen in die Schranken gewiesen. Gianpaolo Schnabel gab den Prinzen mit Bravour. Die Dramatik findet ihren seinen Höhepunkt in seinem mitreißenden Zusammenbruch am Ende des Stückes – sowohl die Akteure als auch das Publikum werden von der „Strömung" mitgerissen.

Das hinsichtlich des Bühnenbildes und der Effekte minimalistische Stück überzeugte durch gute Dialoge und schauspielerisches Können der Akteure. Das Publikum dankte es dem Ensemble mit tosendem Applaus und zeigte augenscheinlich Interesse am Stück und am Theaterspiel im Allgemeinen in der abschließenden Fragerunde, die der Literatur- und Theaterkurs anwesenden Schülerinnen und Schülern ermöglichte. So wurde nach einer Requisite gefragt, nämlich nach der Bedeutung des Ringes, den die Meerjungfrau aber auch Regisseurin 1 im Stück tragen.Nach Auskunft der Akteure werden mit dem Besitz des Ringes die Figuren gekennzeichnet, die menschgewordene Meerjungfrauen spielen. Auch bei der Frage, was das Beste am Literatur -und Theaterkurs sei, waren sich die Darsteller einig: Vor allem die Kombination aus Theorie mit Praxis sei einzigartig. Es komme auch mal auf andere Qualitäten als die schulischen Leistungen an und man könne sich ausprobieren und selbst auch besser kennenlernen. Die Aufführung sei aber etwas ganz Besonders - ein absolutes Highlight gewesen.

Lieber Literatur - und Theaterkurs, lieber Klaus, danke für diese grandiose Aufführung, das Stück war nicht nur für euch ein Highlight, sondern auch fürs Publikum.


[1] Im Original von Andersen bringen die Schwestern der Meerjungfrau diese Alternative tatsächlich in Spiel, aber die Meerjungfrau bringt es nicht übers Herz, den Prinzen zu töten